Der Bangkok-Stil strahlt
Zwar gibt es auch heute in Thailand noch recht einfache, oft aus Holz gebaute Waldklöster und auch die Alltagsarchitektur ist zu allen Zeiten sehr schlicht gewesen, doch hat sich vor allem seit dem 18. Jahrhundert ein gewisser Horror Vacui, eine Angst vor der Leere, breit gemacht, was Tempel und Paläste betrifft. Die Ästhetik des damals aufkommenden Bangkok- Stils verbreitete sich im ganzen Land und sorgte dafür, dass an vielen Tempeln kaum ein Fleck zu finden ist, der nicht mit Mosaiken aus bunten Spiegeln oder glasierten Kacheln oder mit Skulpturen mythischer Vögel geschmückt ist. Kaum eine Tür, die nicht mit Holzschnitzereien verziert und mit Gold, Lack oder Perlmutt überzogen wurde. Kaum eine Treppe, die nicht von glänzendschuppigen Schlangengottheiten flankiert wird. Und die überall vorherrschende Farbe: Gold. Strahlendes, glänzendes, funkelndes Gold.
Nun besteht heute zwar nicht mehr die Gefahr, dass Feinde das Land überrennen, das Blattgold von den Dächern oder den großen, glockenförmigen, Stupas genannten Grab- und Erinnerungsmalen kratzen, ja sogar Statuen einschmelzen und einpacken, wie die Birmanen es 1767 in der damaligen Hauptstadt Ayutthaya taten. Doch gibt es andere, ganz praktische Gründe, warum man bei Tempelneubauten und Renovierungen statt auf Blattgold heute oft auch auf goldenen Farblack setzt. Dieser ist leichter und schneller zu verarbeiten, kostengünstiger und von guter Haltbarkeit.
Tempel wie der Wat Pa Sa Wang Bun und der Wat Pra Thad Jong Jun, aber auch weltliche Gebäude wie der Bangkoker Hauptbahnhof Hua Lamphong strahlen in hellem Glanzlack. Dass nicht alles Gold ist, was glänzt, stört dabei kaum, im Gegenteil. Die in der Farbe enthaltenen Merck-Pigmente, so der Farbenhersteller TOA, ergeben Goldglanzeffekte, deren brillantes Schillern in vielen Augen „echter“, quasi goldener, als das etwas matter glänzende Blattgold wirke und von den Thais als sehr wertvoll wahrgenommen werde.
Wie sich die Verwendung günstigerer Materialien einerseits und die verbesserte Ästhetik andererseits auf die angestrebte gute Karmabilanz der gläubigen Spender auswirkt, weiß wohl nur Buddha. Doch nach allem, was von ihm überliefert ist, dürfte ihm die praktische Lösung wohl besser gefallen.