Der mit rund 161 Metern höchste Kirchturm der Welt prägt das Stadtbild Ulms
Der mit rund 161 Metern höchste Kirchturm der Welt prägt das Stadtbild Ulms
© Dpa  
Kompressen zur Entsalzung

An der Sanierung mitgearbeitet hat auch Nicole Held. Vor der Steinmetzin in einem lichten Raum der Münsterbauhütte steht eine Reihe von Filmdosen: „Darin befindet sich etwas Steinmehl mit Wasser“, erläutert sie. Das Material wurde mit einem Bohrer von drei Millimeter Durchmesser in zwei und in vier Zentimeter Tiefe des Steins gewonnen – saurer Regen etwa trägt Salze ja vor allem in die äußere Schicht.
Wie stark Salze der Schwefelsäure dem Stein schon zugesetzt haben, das misst Nicole Held mit Microquant® von Merck. Dazu nimmt sie das Wasser über dem Steinmehl ab, unterzieht es bei genau 40 Grad Celsius einigen Bearbeitungsstufen und erhält einen Farbumschlag. Dann tritt sie ans Fenster und dreht am Farbkomparator so lange, bis dessen eingestellte Farbe jener des schwefelsauren Wassers entspricht: „Aus diesem Messwert leiten wir dann weitere Maßnahmen zur Entsalzung ab“, erläutert Ingrid Helm-Rommel gegen das Rattern des Aufzugs, der an der Außenseite hochruckelt und in 30 Metern Höhe hält.

Dort nimmt Roman Koch die Atemschutzmaske ab und ruft: „Willkommen!“ Der Steinmetz, vorher bei der Restaurierung des Dresdner Zwingers mit dabei, arbeitet schon seit vier Jahren in Ulm. Rhythmisch schlägt er mit einem „Knüpfel“ genannten Holzhammer das „Schlageisen“, das hier ein Holzkeil ist. In hohem Bogen befreit er den Stein von der bis zu drei Zentimeter dick aufgetragenen sogenannten „Kompresse“.
Diese Mischung aus Zellstoff und Tonmineralen wird – je nach Salzgehalt – in unterschiedlicher Dicke und in zwischen drei und fünf Durchgängen auf den mit Wasser angesprühten Stein aufgetragen. „Innerhalb von gut einer Woche wandern die Salzionen in die Kompresse, die währenddessen aushärtet“, spricht der Steinmetz gegen den Wind in dieser Höhe.

Mercks Microquant®

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Danach schlagen sie die Kompresse ab, 58 Tonnen allein bei jenen drei Durchgängen, die auf den 779 Quadratmetern Fläche des Turmhelmes am südlichen Chorturm notwendig waren. Eine dünne Trennschicht zwischen Stein und Kompresse aus Japanpapier macht die Arbeit ein wenig erträglicher. Zwischendurch wird auch der behandelte Stein immer wieder auf seinen Salzgehalt geprüft.
„Am Ende liegt er durchschnittlich zwischen nur noch null und 0,05 Prozent des Gewichtes, wobei wir bei 0,25 bis 0,375 Gewichtsprozenten starten“, erklärt Ingrid Helm-Rommel beim Heruntersteigen zu Fuß, wo sich immer wieder wechselnde Ausblicke auf die Donaustadt bieten, deren damals nur 10 000 Bürger den Bau des Münsters vor über sechs Jahrhunderten aufnahmen, nach dem Bildersturm der Reformation 1543 abbrachen und erst 1844 wieder aufnahmen: um 1890 zu vollenden, was 1377 begonnen hatte.

Diesen bedeutenden Sakralbau zu sichern und zu erhalten wird auch in den kommenden Jahrhunderten die Aufgabe der Münsterbaumeister sein – wenn an Ingrid Helm-Rommel als erste Frau in dieser Position nur noch eine Steintafel im Vorraum des Münsters erinnert – wie heute an ihre Vorgänger, dereinst an ihre Nachfolger.

 

Die Baumeisterin Ingrid Helm-Rommel ist zuständig für den baulichen Erhalt des Ulmer Münsters
Die Baumeisterin Ingrid Helm-Rommel ist zuständig für den baulichen Erhalt des Ulmer Münsters
© Nils Schiffhauer