Unfaire Lebensumstände
Als Symbol dieser Interpretation dient Hans Medick ein Detail: Über der Tür des Pfandleihers hängt ein Kreuz, doch es ist nicht wie gewohnt aufgestellt, sondern hängt kopfüber. Dieses Kreuz wiederum fehlt auf der Kirchturmspitze – nach Medick ein der damaligen interessierten Öffentlichkeit genau verständliches Symbol dafür, dass die Dinge nicht allein deswegen schlecht stehen, weil die Armen nicht vom Schnaps lassen können, an ihrem Elend also selbst schuld sind, sondern dass die Bedingungen so sind, dass ihnen der Griff zur Flasche leicht gemacht wird. William Hogarth genießt also auch deshalb einen so besonderen Ruf, weil er die Objekte seiner Satiren nie dem voyeuristischen Blick preisgibt wie ein billiges Reality-TV-Format, sondern sie als Figuren zeichnet, die den komplexen Einflüssen ihrer Zeit ausgesetzt sind – und die sind eben recht oft unfair.
In Hogarth feiern wir aber nicht nur dieses ganz besondere, singuläre Talent, sondern blicken mit einigem Neid auf eine ganze Epoche, deren Energie sich erst noch weltumspannend entfalten sollte. Wir erkennen bei ihm schon die ganzen Umstände, die unser heutiges Leben prägen, also die Doppelmoral, die Globalisierung, die Spekulation mit exotischen Finanzprodukten und den Kampf zwischen den Geschlechtern – aber bei Hogarth ist das alles mit dem Charme des Neuen verbunden, auch dem der neuen Technik. Darum sind seine Werke, bei aller Düsternis der gewählten Themen, letztlich heiter, weil wir in ihnen noch die Vermutung spüren, es möge reichen, diese Missstände derart witzig abzubilden, um sie zu beseitigen. Seitdem haben wir erfahren, dass die Entstehung der bürgerlichen Öffentlichkeit, die wir bei Hogarth schon beginnen sehen, zwar ein Schritt auf dem Weg zur Lösung von sozialen Problemen ist, aber nicht selbst schon die Lösung. Hogarth machte sich diese Gedanken noch nicht. Er genoss den reinen Überschwang, der sich einstellt, wenn eine Ambition, eine Kunst und ein Thema zusammenfinden. Er muss sehr glücklich gewesen sein. Das wirkt auf den Betrachter ansteckend, auch noch all die Zeit danach.
Merck hat den Ankauf von Hogarth-Stichen für eine Ausstellung Anfang 2010 in der Kunsthalle Darmstadt ermöglicht. Zum Ausstellungsende versteigerte die Kunsthalle die Originalgrafiken zu Gunsten seines museumspädagogischen Kinderprogramms.
Einige von Hogarths Werken