Das Leben in den Schatten

Mit routiniertem Blick fängt Tylle auch bei Merck die Blickwinkel und Momente ein, die er später in Öl verewigen wird. Die Bedingungen sind komfortabler als in den kilometerlangen Stollen, in denen er schon im Liegen gemalt hat. Mit einer Fotokamera „notiert“ er in den Labors und Werkshallen Feinheiten, Strukturen, Raumeindrücke. Normalerweise würde er an dieser Stelle mit sicherer Hand seine mobile Staffelei aufbauen und verschiedene Ölfarben auf die Mischpalette drücken, um dann in kurzer Zeit seine Ölstudien anzufertigen, die ihm so viel mehr wert sind als Fotografien. Seine Staffelei, seit 30 Jahren dieselbe, bleibt diesmal allerdings vor den Toren des Konzerns. Die Schutzbedingungen erlauben nicht, sie mitzunehmen. Erst in seinem Atelier in Fuldatal greift er zum Pinsel, um auf den großformatigen Leinwänden das nachzubilden, was er gesehen und erlebt hat.
Tylles Arbeiten zeichnen außergewöhnliche Tiefe und Farbigkeit aus, die viel mehr zeigen, als ein Foto es könnte. „Der Farbraum, den ein Foto wiedergeben kann, ist nur ein Drittel dessen, was das Auge wahrnehmen kann“, erklärt der Maler. „Es gibt Farbbereiche, da versagt das Foto vollständig. Bestimmte Schattenbereiche bleiben einfach nur schwarz. Auf meinen Bildern aber werden diese Bereiche farbig, sie werden zu Malerei.“
Mit Abstand betrachtet, entwickeln Tylles Bilder ein komplexes Eigenleben. Tritt man nahe heran, lösen sich die Details in Abstraktion, in einzelne, scheinbar willkürliche, Pinselstriche auf. „Ich spiele gern damit. Aber es ist auch wichtig, immer wieder den räumlichen Abstand zu den Bildern zu bekommen.“ Seine Staffelei wahrt auch deshalb in seinem Atelier in einer ehemaligen Pelzveredelungsfabrik 15 Meter Abstand zu seinem Schreibtisch.
Hier kann er, wenn er nicht gerade am Rechner seiner zweiten Leidenschaft, der Informatik, nachgeht, über seine Kompositionen sinnen: Wäre ein langes Fallrohr an dieser Stelle nicht besser für den Bildaufbau? Tylle kreiert sich seine Wirklichkeit neu. Die Bilder wirken real, folgen aber vor allem dem künstlerischen Ideal ihres Erschaffers. Dazu gehört auch, Arbeiter zu positionieren, Personen zu erfinden oder andere verschwinden zu lassen. „Was real ist, bestimme ich“, erzählt er lachend, während er sich seinem Bild zuwendet. Eine Weinlandschaft, im Hintergrund eine Fabrik in Iphofen, der dritten Station seiner langen Reise.

 

H.D. Tylle
© PR
Tylles Bilder, die er während der „Deutschlandreise“ malt, werden an den jeweiligen Entstehungsorten zu sehen sein. Alle Arbeiten zusammen werden 2011 im Grohmann Museum in Milwaukee, Wisconsin, ausgestellt