
Ein Beispiel für Wandkunst: Die Studentin Suse Brand arbeitete mit speziellen Klebeverfahren für Sand und experimentierte mit Effektpigmenten von Merck
© Suse Brand
Julia Lansmann fand ihre Idee auf Rügen, beim Anblick der Ostsee. Friederike Guminski ließ sich bei Spaziergängen in niedersächsischen Wäldern anregen. Beide studieren Textildesign auf Burg Giebichenstein, der traditionsreichen Kunsthochschule in Halle. Bettina Göttke-Krogmann, Professorin für Textildesign, stellt ihnen in jedem Semester ein Thema, dessen Bearbeitung Handwerk und Phantasie gleichermaßen fordert: „Eines der Themen hieß ‚Wände’. Sie schließen ein, schließen aus und erzeugen erst einen Raum, werden jedoch kaum wahrgenommen“, sagt sie und zeigt auf die Arbeiten ihrer Studentinnen.
Kombination von Kunst und Handwerk
Die haben ihre Aufgabe auf ganz unterschiedliche Weise bearbeitet. Die Spannweite reicht von in Beton eingegossenem Gestrick (Frauke Maler und Sylvia Riegger) bis zu einer Tapete aus Vlies, die sich in Wasser auflöst. „Mich hat bei Umzügen immer das Abkratzen von Tapeten gestört“, erläutert Julia Kortus ihre Idee, für die sie eine Liedzeile der Hamburger Indie-Rock-Band „Tomte“ als Vorlage nahm – „ich verliere mein antlitz“.
Nach einem Zufallsprinzip würfelte sie die Buchstaben durcheinander, schrieb diesen Text auf einer mechanischen Schreibmaschine, vergrößerte die Buchstaben und bedruckte damit das Vlies aus Polyvinylalkohol mit speziell dafür entwickelten Farben. Und zwar in einem Grauschwarz. Nur diejenigen Buchstaben sind rot eingefärbt, die die Liedzeile ergeben.
„Ich verliere mein Antlitz“
Diese Kombination von Kunst und Handwerk hat Tradition auf Burg Giebichenstein. „Unsere Hochschule gründet auf den Gewerbeschulen des 19. Jahrhunderts“, erläutert Rektor Axel Müller-Schöll. Seit ihrer Gründung 1915 nutzt die Hochschule das Spannungsverhältnis zwischen Handwerkskunst und Industriedesign und hatte in ihrer Geschichte zahlreiche Berührungen mit dem „Bauhaus“.
Auch heute gibt Müller-Schöll, Professor für Innenarchitektur, seiner Hochschule den Rahmen für Kreativität, Handwerk, Nutzen sowie Entwicklung der eigenen Persönlichkeit: „Die Studierenden geben später der Gesellschaft mehr zurück, als sie hier von ihr erhalten haben“, sagt er, und: „Wir entwickeln Zukunftsperspektiven nicht nur für die individuellen Künstler- oder Gestalterpersönlichkeiten, sondern auch für die Kulturgemeinschaft einer modernen Gesellschaft.“
Dabei sucht die Hochschule in ihren verschiedenen Ausbildungsrichtungen für Design bewusst den Austausch mit der Industrie. Zum Beispiel beim Textildesign: „Meine Studierenden finden beispielsweise bei Autoherstellern als Experten für Bezugsstoffe Arbeit“, erläutert Bettina Göttke-Krogmann, „und da ist der Umgang mit neuesten Techniken sowie Materialien gefragt.“ So sind denn auch einige Entwürfe zum Thema „Wände – Walls“ in Zusammenarbeit mit der Industrie entstanden.
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