Auf die Frage, welche Farbe 2010 den Automarkt dominieren wird, muss die Projektleiterin Color Proposals, Helga Wolf, von Pigments/Coatings bei Merck lachen. „Wenn ich das ganz genau wüsste, wäre ich wirklich froh. Natürlich gibt es Indikatoren dafür, die einigermaßen verlässlich sind. Wir sehen bei den Autolacken ein relatives Comeback von Rot sowie eine andauernde Beliebtheit von Blau und Schwarz. Weiß bleibt Trend und wird zusammen mit Grau die Silbertöne reduzieren. Dezente Glitzer- wie auch changierende Effekte komplettieren die Trends.“
Das Erkennen von langfristigen Farbtrends gestaltet sich in der Automobilbranche schwieriger als etwa in der Mode, da die Zyklen bei Fahrzeugfarben sehr viel länger sind. Von der Idee bis zur Umsetzung neuer Farbwelten vergehen Jahre. Merck steht der Lackindustrie dabei seit 15 Jahren mit den Automotive Color Proposals zur Seite. Die insgesamt 60 auf dieser Basis entwickelten Farb- und Effektstylings präsentieren sich in sechs Farbwelten. Fruitful World beispielsweise ist von den Farben der Früchte und Beeren inspiriert und spannt sein Spektrum von dynamischem Rot über Rosarot bis hin zu bläulichen Rottönen. Andere Farbwelten sind Aquatic World mit vielen Blautönen oder Botanic World mit Grün- und Erdfarben.

© Merck
Die Farbwelt "Fruitful World" ist von den Farben der Früchte und Beeren inspiriert
Vorschläge der Lackhersteller müssen jedoch in der Praxis umsetzbar sein – und zu den Produktionssystemen der jeweiligen Hersteller passen. Fragestellungen hinsichtlich technischer Realisierbarkeit neuer Effekte und Pigmente sowie deren Kosten, Verfügbarkeit und Lagerfähigkeit werden in die Entwicklung einbezogen. Ein ständiger Austausch mit Designern aus der Automobilindustrie ist deshalb ein notwendiger Prozess, um neue Ideen zu entwickeln und diese zügig umzusetzen.
Zukunft bekommt Farbe
„Wir arbeiten unter anderem mit der international renommierten Farbdesignerin Annabel Alton zusammen. Von ihr bekommen wir maßgebliche Impulse“, erklärt Helga Wolf. „Zudem bekommen wir den Input für künftige Trendfarben von Messen, aus Magazinen und nicht zuletzt vom Kunden selbst.“ Die aktuellen gesellschaftlichen Einflüsse aus Kunst, Politik und Technik spiegeln sich stets in den Farbtönen des Lacks wider. Farben sind letztlich ein Ausdruck des gesellschaftlichen Gemütszustands. „In den 1970er-Jahren gab es deshalb viele auffällige Farben, die uns teilweise überrascht haben und vielleicht Ausläufer der Hippie-Generation waren. Orangefarbene Käfer waren im Straßenverkehr ja etabliert, aber Lila ist nicht unbedingt absehbar gewesen“, so die Projektleiterin Frau Wolf.
Da die Einflüsse von Möbel-, Design- und anderen Fachmessen stammen, deren Trends aber viel schnelllebiger sind als in der Automobilbranche, müssen sie gefiltert werden. So dauert es zwischen drei und fünf Jahren, bis eine Farbidee auf dem Autoblech erscheint. Mitarbeiter von Merck beobachten auch die soziokulturellen Entwicklungen in Europa und der Welt, um interkulturelle Vergleiche zu ziehen. „Wir haben immer unsere Augen und Ohren offen, um Strömungen aufzunehmen und zu analysieren“, verrät Helga Wolf.
Das Ergebnis: Unter „The Changing World of Color“ versammelt Merck in der neuesten Ausgabe der Automotive Color Proposals inspirierende Farbwelten für die Autolacke der Modelljahre 2010 bis 2012. Diesen liegen Spannungsfelder zugrunde, die sich einerseits zwischen Natur, Umwelt, Ethik und Technik ergeben und sich andererseits zwischen Glitzer- sowie anderen starken Effekten und homogenen Farbbildern erstrecken. Bei der Umsetzung sind das richtige Mischungsverhältnis verschiedener Effektpigmente, die Beimischungsmenge im Vergleich zu den übrigen Inhaltsstoffen des Lackes und die Schichtdicke von besonderer Bedeutung. Sie müssen zum System der Lackhersteller passen.
Autolacke erfüllen schon lange nicht mehr nur schützende Aufgaben; sie sind vielmehr Bedeutungsträger geworden und drücken den Lifestyle des Autofahrers aus. Bei Marken im oberen Preissegment entscheiden sich die meisten Käufer für gedämpfte Farben. Ein Fahrzeug in einem dunklen Ton wie Schwarz oder Grau wirkt solide und seriös. Farbe ist immerhin Emotion und schafft individuelle Möglichkeiten der Abgrenzung und Identifikation. Und die hat sich in den Dekaden gewandelt. In den 1970er-Jahren schmückten sich viele Fahrzeuge mit Aluminiumpigmenten, was zu einem Metallic-Effekt führte. Im nächsten Jahrzehnt konnte man zunehmend Perlglanzpigmente sehen, hauptsächlich Iriodin von Merck, das einen eleganten Glanz aufs Auto zauberte. In den 1990er-Jahren sorgte Merck mit Colorstream für Pigmente, die changierende Effekte ermöglichten. Neue Glitzereffekte, weil semitransparent, ließen sich bei der nächsten Evolutionsstufe mit Xirallic erzielen.