Mentoring ist keine Einbahnstraße
Und warum nimmt ein Mentor es auf sich, in seinen vollgepackten Terminkalender auch noch Mentee-Treffen einzutragen? Was wollte Oliver Jost seiner Mentee Britta Grundke mit auf den Weg geben? Nicht um Wissenstransfer sei es vorrangig gegangen, sagt der Bank-Manager, bei der Commerzbank als Leiter Compliance verantwortlich für die Geldwäscheprävention, Verhinderung der Terrorismusfinanzierung, Korruptionsbekämpfung und die Erfüllung der Anforderungen aus dem Wertpapierhandelsgesetz. Natürlich wolle er den Prozess unterstützen, mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen, doch auch er habe sich etwas davon versprochen. “Das ist ja keine Einbahnstraße, sondern eine Interaktion, in der ich mein eigenes Führungsverhalten hinterfragen konnte.“ So habe er über Kommunikation mit Mitarbeitern neu nachgedacht. „Die Form, der Ton – unabhängig davon, wie lange man als Führungskraft arbeitet, kann man sinnvolle Anregungen für sich herausziehen.“ Er sehe Mentoring nicht als Lehrer-Schüler-Verhältnis, es könne eher „so ein Art Sparring sein“.
„Herr Jost war durchaus in der Lage, Dinge sehr konkret anzusprechen“, erinnert sich Grundke. Das Tandem sollte solche Diskussionen aushalten, fand Jost. Schließlich wolle man sich nicht gegenseitig beweihräuchern. Doch was auch immer ihr Mentor ihr sagte – frei im Annehmen oder Ablehnen von Kritik zu bleiben, sei der Vorteil des Mentoring-Programms, findet Britta Grundke. Sie habe sich stets fragen können: „Kann man diesen Ratschlag auf die Merck-Kultur übertragen?“ In der Kommunikation mit dem Mentor, der eben nicht bei Merck arbeitet, „konnte ich mir alles anhören, aber dann im Arbeitsalltag reflektieren und mir überlegen, ob ich es anwende oder sein lasse. Die Entscheidung war mir überlassen.“
Grundke und Jost verabredeten sich für die Tandem-Treffen einmalig in ihren Büros, um das jeweilige Arbeitsumfeld kennenzulernen, später zu Abendessen. Für den lockeren Dialog sei ein Restaurant mit seiner Distanz zur Tagesarbeit „das angemessenere Ambiente“, so Britta Grundke. Es seien aber durchaus unterschiedliche Modelle denkbar, erläutert Claudia Herrlich: „Ein anderes Tandem ist immer zusammen Inliner gelaufen.“
Für das Mentoring-Programm kann man sich im Hause bewerben. „Als Mentees hatten wir Frauen mit Kindern und auch Frauen, die in Teilzeit arbeiten“, sagt Herrlich. Über das Thema, wie man Familie und Karriere unter einen Hut bringt, hätten sie jedoch nie geredet, so Grundke. Die Lösungen hierzu sind individuell und sehr persönlich.
Kurz nach Ablauf ihres Mentee-Jahres stieg Britta Grundke zur Abteilungsleiterin auf. In ihrer Abteilung gibt es 54 Beschäftigte, 52 davon sind Männer. Mit dem Cross-Company-Mentoring- Programm hat Britta Grundke jedoch noch nicht abgeschlossen: In der aktuellen Runde ist sie wieder dabei, diesmal als Mentorin.