Morgens 8:30 Uhr, Avenue Appia 20 in Genf, WHO, Abteilung für „Neglected Tropical Diseases“ (Vernachlässigte Tropenkrankheiten). Lester Chitsulo betritt sein Büro im Hauptsitz der Weltgesundheitsorganisation. Sein Schreibtisch am Fenster ist überfüllt mit Unterlagen, an den Wänden hängen private Fotografien neben Plakaten, die das zeigen, womit er sich seit gut 30 Jahren beschäftigt: den Kreislauf der Bilharziose und deren Parasiten, den so genannten Schistosomen (Pärchenegel). Deren Larven verursachen diese Wurmkrankheit, indem sie in kontaminiertem Wasser bei Kontakt durch die Haut in den menschlichen Körper eindringen. Dort verbreiten sich diese Larven über die Venen, nisten sich vornehmlich in Blase und Eingeweiden ein und verursachen Juckreiz an der Eintrittsstelle der Larven, Hautausschlag, lebensbedrohliches Fieber, Schüttelfrost, Husten, Kopfschmerzen und die Vergrößerung von Leber, Lymphknoten und Milz.
Der 57-Jährige Biologe und Parasitologe hat in den USA und Großbritannien studiert. Spezialgebiet: Schistosomen. Seine zahlreichen Veröffentlichungen zu diesem Thema zeugen davon. Angefangen hat aber alles in seiner Heimat Malawi. In dem im südlichen Afrika gelegenen Land ist er unter schlechten hygienischen Bedingungen aufgewachsen und erkrankte mit zwölf Jahren das erste Mal an Bilharziose. So wie viele seiner Altersgenossen. Er wurde geheilt, groß gesprochen wurde darüber aber nicht. Es war normal, daran zu erkranken: Fast 50 Prozent der Schulkinder waren zu der Zeit in Malawi betroffen. Er schwor sich: „Ich will etwas verändern.“ Er wusste, dass ihm dies nur durch Bildung gelingen würde, nicht durchs Hüten von Ziegen. Deshalb war er fleißig in der Schule – und ehrgeizig.

© Merck
Übertragung von Bilharziose
Bekämpfung der Bilharziose als Lebensaufgabe
Nach dem Studium begann er, zunächst als Biologie-Lehrer zu arbeiten. Aber jeder, der ihn kannte, wusste aus Gesprächen, dass er sich für Bilharziose und ihre Erreger interessierte und unbedingt auf diesem Gebiet arbeiten wollte. Als Großbritannien 1979 in Malawi ein Projekt zur Kontrolle und Eindämmung von Bilharziose initiierte und im dortigen Gesundheitsministerium einen Projektmitarbeiter suchte, schlug Lester Chitsulos Stunde. Er bekam den Job, erkrankte währenddessen erneut an Bilharziose und wurde wieder geheilt. Ein Schlüsselerlebnis für ihn und seine weitere berufliche Laufbahn: „Ich war völlig überrascht, als ich die Würmer in meiner Urinprobe unter dem Mikroskop gesehen habe. Sie haben mich regelrecht angesprungen“, sagt er. Seitdem hat er sich der Erforschung der Schistosomen und der Bekämpfung der parasitären Würmer gänzlich verschrieben.
Lester Chitsulo ist ein Wanderer zwischen den Welten: Er zieht für die Promotion und zu Forschungszwecken in die USA und Großbritannien, kehrt aber immer wieder nach Malawi zurück, wo er eine steile Karriere im Gesundheitsministerium durchläuft. 1997 geht er zur WHO nach Genf. Davon hätte er nicht einmal zu träumen gewagt: „Ich hatte Glück, diese Aufgabe zu bekommen“, sagt er. Hier erforscht er verschiedene tropische Krankheiten – auch Bilharziose. Und er koordiniert zudem Programme zur Bekämpfung von Wurmkrankheiten.
In dieser Funktion zeichnet er auch verantwortlich für das „Praziquantel Donation Program“ von Merck. Das Unternehmen unterstützt seit 2007 die globale Anti-Bilharziose-Initiative der WHO: Bis 2017 liefert der Pharmakonzern kostenlos das Medikament „Cesol® 600“ mit dem Wirkstoff Praziquantel – 200 Millionen Tabletten im Wert von etwa 80 Millionen Dollar. „Praziquantel ist die einzige verfügbare und wirksame Behandlung gegen alle Formen der Schistosomenerkrankung, mit nur wenigen, vorübergehenden Nebenwirkungen“, erläutert Chitsulo, der selbst mit diesem Wirkstoff geheilt wurde.
Die Krankheitsbekämpfung fokussiert auf Kinder im schulpflichtigen Alter, denn diese sind durch verunreinigtes Wasser, in dem sie spielen, fischen oder baden, am meisten gefährdet. Durch eine Erkrankung würden sie in ihrem Wachstum gestört und hätten Probleme, dem Unterricht zu folgen. Eine dreimalige Einnahme von Praziquantel in der Kindheit verringert außerdem die Gefahr, dass diese Krankheit noch einmal im Erwachsenenalter auftritt. Insgesamt können 27 Millionen Kinder mit den gespendeten Tabletten versorgt werden, über fünf Millionen Kinder haben sie bislang erhalten.