„Familienunternehmen sind ein äußerst modernes Konzept“
Professor Dr. Benoît Leleux forscht und lehrt am „IMD – International Institute for Management Development“ in Lausanne/Schweiz . Er bekleidet an dieser Hochschule, die der „Economist“ auch 2009 wieder weltweit mit an der Spitze bei der Ausbildung zum MBA sieht, die Stephan Schmidheiny Professur für Unternehmertum und Finanzen. Leleux zählt zu den Mitgliedern der Jury des seit 1996 jährlich vergebenen „IMD – Lombard Odier Global Family Business Award“, mit dem Merck 2009 geehrt wurde.
M- Das Entdeckermagazin: Spielt die Kategorie „Familie“ angesichts des globalen Wettbewerbs heute überhaupt noch eine Rolle?
Professor Dr. Benoît Leleux: Wenn es etwas gibt, nach dem die Geschäftswelt in den letzten Jahrzehnten suchte, dann ist es der Sinn nach ihrer Existenz. Gewinnmaximierung konnte nicht länger befriedigen und mutierte zu „Stakeholder Management“, von dem niemand genau weiß, was es tatsächlich bedeutet. Philosophisch gesehen war die Jagd nach Gewinn nur ein Ersatz. Und so wenden sich die Menschen Werten wie Nachhaltigkeit, Fairness und gesellschaftlicher Verantwortung zu.
Was bedeutet das für die Entwicklung eines Unternehmens?
Mit einer Wende zu Werten sieht man die Richtung klarer. Das wiederum hilft dabei, effizientere Entscheidungen zu treffen. In einem großen Maße hängt der Erfolg eines Unternehmens davon ab, inwieweit die Entscheidungen des Managements schlüssig sind – und nicht so sehr, ob sie „richtig“ sind.
Eine überraschende Ansicht für einen Wirtschaftswissenschaftler …
… mag sein, aber es ist meine persönliche Überzeugung, dass die Unternehmen auf der sinnentleerten Suche nach einer „besten Strategie“ eine Menge verloren haben. Nämlich den Blick dafür, dass möglicherweise irgendeine Strategie ebenso gut ist wie eine andere. Entscheidend für den Unternehmenserfolg ist ihre Durchsetzung.
Worin liegt eigentlich der größte Schwachpunkt eines Familienunternehmens?
In der Familie selbst. Harmonie und Beständigkeit sind Werte, die manchmal eine Familie mehr begünstigen als ein Unternehmen. Drückt sich Harmonie darin aus, dass jedes Familienmitglied gleichberechtigt im Unternehmen tätig sein will, so kann das schiefgehen, wenn dahinter nicht eine entsprechende Kompetenz steht. Das Unternehmen leidet, mit ihm leidet die Familie. Für beide ein Teufelskreislauf. Deshalb ist es für eine Familie wichtig, ihre Grenzen zu kennen und zu beachten.
Was aber ist dann – im Hinblick auf Unternehmen – eine ausgesprochene Stärke von Familien?
Die Familie ist der Anker, eine Insel der Bestimmtheit in einem Meer schwerer Verwerfungen und Unsicherheiten. Die Familie ist ein Leuchtturm, weit sichtbar. Und nach einem Leuchtzeichen zu navigieren, ist deutlich einfacher. Viele Manager tauschen gerne höhere Gewinne gegen eine stärker sichtbare Richtung. Und viele Investoren folgen ihnen dabei.
Sind Familienunternehmen ein veraltetes Konzept in heutigen Zeiten?
„Familie im Unternehmen“ – das ist in der Tat ein Konzept von gestern. Aber „Familienunternehmen“ halte ich für die Zukunft. Noch deutlicher wird das im Begriff „Unternehmensfamilien“. Merck ist hierfür ein Beispiel: Die Familie hat über Generationen zusammengehalten, weil das Unternehmen florierte. Und dem Unternehmen ging es gut, weil sich die Familie auch mal von der eigentlichen Unternehmensführung verabschieden konnte. Somit sind Unternehmenserfolg und eine starke Familie engstens miteinander verknüpft. Und eine starke Familie sehe ich dort, wo sie das beste Management einsetzt, auch wenn es sich dabei gewissermaßen nur um „Familienmitglieder auf Zeit“ handelt. Ein definitiv äußerst modernes Konzept!
Was ist zu tun, damit die Familie als solche zusammenhält und nicht nur über das Geld?
Gibt die Familie das Management in familienfremde Hände, so muss sie andere Formen der Verbindung mit dem Unternehmen finden. Dafür gibt es unterschiedlichste Möglichkeiten: vom Praktikum über die Ausbildung bis hin zu regelmäßigen Treffen mit Mitarbeitern. Die Familie würde eine Menge verlieren, wenn sie sich vom Unternehmen entfernte – in der richtigen Balance liegt hier das Kunststück.