Eine Fahrt mit dem Aufzug hoch über das Werksgelände, dann lange Gänge, immer wieder dicke Türen, schließlich eine letzte, schwere Stahlpforte. Dahinter öffnet sich eine unscheinbare Kammer mit Metallregalen – der Rara-Raum von Merck Corporate History. Dr. Katja Schmiederer nimmt eine Reihe kleiner Bücher in die Hand. Auf dem Rücken schimmert schwarz der Name Macquer in Fraktur, der Prägedruck im hellen Leder zeichnet sich nach mehr als 200 Jahren noch scharf und genau ab. Nebenan ist ein Buch mit kostbarer Schließe aufbewahrt, ein Regal weiter ruht ein Folio-Band mit prächtigen Stichen.
Das „Chemische Wörterbuch“ von Pierre Joseph Macquer wirkt im Vergleich zu den opulenten Büchern fast unscheinbar. Doch die Bücher im Oktavformat haben es in sich. Schließlich gilt dieses Werk als Meilenstein der modernen Naturwissenschaften und Pharmazie: Die im französischen Original erstmals 1766 erschienene Enzyklopädie markiert den Übergang von der Phlogiston-Theorie (Hypothese einer Substanz, die der Materie beim Verbrennen entweicht) des frühen 18. Jahrhunderts zur heutigen Oxidations-Theorie nach Lavoisier (Aufnahme und Abgabe von Sauerstoff spielt die entscheidende Rolle bei Redox-Reaktionen). Gleichzeitig beginnt mit dem wirkungsmächtigen Wörterbuch die Abspaltung der Pharmazie als eigenständige Wissenschaft von der akademischen Disziplin der Chemie. Katja Schmiederer hat über dieses Schlüsselwerk der modernen Chemie promoviert. Und Merck Corporate History war eine der wichtigsten Anlaufstellen der Wissenschaftlerin für ihre Forschung.
Gedächtnis des Unternehmens
Die deutsche Macquer-Ausgabe, erschienen zwischen 1781 und 1783, gehört zu den Schätzen der Sammlung von Merck Corporate History. Vielfalt, Zugänglichkeit, Kompetenz, Atmosphäre: Diese Stärken der historischen Abteilung von Merck lernte Katja Schmiederer schätzen, als sie hier an ihrem Dissertationsprojekt „Das Dictionnaire de Chymie von Pierre Joseph Macquer (1718-1784)“ gearbeitet hat. Im Mittelpunkt der Recherche stand dabei die Übersetzung der zweiten französischen Ausgabe des Wörterbuches, die auf Deutsch in sechs Bänden erschien. Der Untertitel von Schmiederers Arbeit, die im Jahr 2008 bei der Wissenschaftlichen Verlagsgesellschaft Stuttgart veröffentlicht wurde, macht die Schlüsselstellung von Macquers Enzyklopädie deutlich: „Die Originale und Übersetzungen als Spiegelbild der Entwicklung der Chemie und Pharmazie im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts“.
„Merck Corporate History ist das Gedächtnis des Unternehmens. Dazu gehören die Ausstellungsräume zur Unternehmensgeschichte ebenso wie die historische Bibliothek mit Fachbüchern, aber vor allem die auf die Familie Merck und das gesamte globale Unternehmen bezogenen Archivalien“, erklärt Dr. Sabine Bernschneider-Reif, Leiterin der „Unternehmensgeschichte“ für die gesamte Merck-Gruppe. Hervorgegangen ist Corporate History aus dem um 1905 gegründeten Archiv, das damals vor allem Dokumente zur Unternehmens- und Familiengeschichte zentral sammeln sollte. Die breite Palette der Sachgebiete, Sprachen und Formate zeichnet die seitherige Entwicklung des Bestandes nach: Hier haben Forscher aus Pharmazie und Chemie genauso ihre Spuren hinterlassen wie vielfältig interessierte Familienmitglieder.
Ein Herzstück des Bibliothek-Bestandes ist die Sammlung von sogenannten Pharmakopöen. „Das sind amtliche und nichtamtliche Arzneibücher, die Zusammensetzung, Abgabe und Qualitätssicherung von Arzneimitteln regeln. Ihre Vorläufer waren Kräuter- und Rezeptbücher“, erklärt die Leiterin von Corporate History. Die Pharmakopöen-Sammlung bei Merck reicht tief in die Pharmaziegeschichte zurück: Früheste Exemplare stammen aus dem 16. Jahrhundert und sind damit noch älter als die Geschichte des Familienunternehmens, dessen Gründung auf das Jahr 1668 zurückgeführt wird. Damals kaufte Friedrich Jacob Merck die Engel-Apotheke. Die Vereinigten Staaten von Amerika, Argentinien, Europa und natürlich Deutschland: Länder aus aller Welt sind durch modernere Pharmakopöen in der Sammlung vertreten – darin spiegelt sich die internationale Rolle des Unternehmens wider.
Auf die Sammlung mit Pharmakopöen und Fachbüchern zur Pharmazie- und Chemiegeschichte aus mehr als drei Jahrhunderten zugreifen zu können, das war Katja Schmiederer eine unschätzbare Hilfe bei ihrer Forschungsarbeit. Zunächst führte die Pharmaziehistorikerin jedoch ihre Suche nach dem Original der Macquer-Übersetzung zu Merck Corporate History. Denn Faksimiles oder gute Nachdrucke der Übersetzungen des „Dictionnaire de Chymie“ gibt es nicht. Also musste sie sich einer ganz besonderen Rechercheaufgabe stellen – der Suche nach Originalausgaben, mit denen sie arbeiten konnte.