Dabei ist das religiöse Verbot bezüglich des Alkohols nicht deckungsgleich mit dem chemischen Begriff: Kontakt mit anderen Alkoholen als Ethanol, etwa Methanol (dessen Genuss eher töten als berauschen würde), ist nicht verboten. Dass deshalb der Umgang mit chemischen Verbindungen, die OH-Gruppen enthalten, aber nicht als Rauschmittel eingenommen werden können, unproblematisch ist, dürfte muslimische Chemiestudenten beruhigen, die in Internetforen besorgt danach fragen. Auch was denn nun mit dem Alkohol in Medikamenten sei, gehört zu den häufig gestellten Fragen im Netz. Die Antworten variieren in einer gewissen Bandbreite, doch selbst gewiss nicht als liberal bekannte, einflussreiche Gelehrte wie Yusuf al-Qaradawi erlauben alkoholhaltige Medizin, vorausgesetzt, das Medikament sei lebenswichtig und ohne Alternativen. „Not bricht Gebot“ lautet die lebenspraktische Maxime. Oder wie Allah in Sure 2, 173 über den Verzehr von Schweinefleisch sagt: „Wer aber gezwungen wird, ohne dass er Auflehnung oder Übertretung begeht, den trifft keine Schuld. Gott ist voller Vergebung und barmherzig.“ Das ist gut zu wissen, und auch, dass Gott unabsichtliche Verfehlungen nicht bestraft.
Welcher Kranke würde daran denken, dass Medikamente irgendwann im Laufe ihrer Herstellung mit Pepsinen in Kontakt gekommen sein könnten und dass diese tierischen Enzyme oft aus Schweinemägen gewonnen werden? Wer sicher gehen will, dem bieten Halal-Kontrollsiegel eine geschätzte Einkaufshilfe. Sie gelten gleichermaßen als Güte- wie Wertesiegel. Eine zentrale Vergabestelle auf internationaler Ebene gibt es allerdings nicht. 450 seiner Produkte hat Merck von der Firma Halal Control überprüfen und erfolgreich zertifizieren lassen. Zu den Gutachtern, die Anlagen, Prozesse und Inhaltsstoffe peinlich geprüft und zugleich ein nachhaltiges Sicherungssystem installiert haben, gehören gleichermaßen Chemiker wie Biologen, Pharmazeuten und vor allem ein islamischer Rechtsgelehrter. Zuviel Aufwand ist das keineswegs. Schließlich geht es auch um das Seelenheil des Kranken.

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Auslegungssache: Gelehrte wie Yusuf al-Qaradawi erlauben alkoholhaltige Medizin, vorausgesetzt, das Medikament sei lebenswichtig und ohne Alternativen