Schritt für Schritt zum „flüssigen Gold“
„Die Raffinierung unterscheidet sich im Prinzip nicht von jener, die wir etwa von Pflanzenölen her kennen“, zeigt Barnard auf große Silos, in denen mithilfe von Phosphorsäure und Natriumhydroxid verschiedene Inhaltsstoffe wasserlöslich gemacht und ausgewaschen werden. „Beispielsweise ‚verseifen’ wir damit freie Fettsäuren und entfernen sie, da sie sonst die Haltbarkeit des raffinierten Öls reduzieren würden“, erklärt Barnard, der zu drei Zentrifugen weitergegangen ist. Nacheinander geschaltet, schleudern sie verunreinigende Partikel heraus. Die Schaugläser zeigen daraufhin ein erheblich helleres und klareres Öl.
Danach kühlt das Öl auf etwa sieben Grad Celsius herunter, um in diesem Schritt der „Winterisierung“ genannten kalten Filtration weitere gesättigte Fettsäuren zu entfernen. Der Effekt ist zweifach: Zum einen verhindert er die Trübung des fertigen Produktes bei Raumtemperatur oder darunter, zum anderen erhöht er den Anteil der wertvollen mehrfach ungesättigten Fettsäuren. „Die aus den Filtriertüchern ausgewaschenen Stearine wiederum verwendet die Futtermittel-Industrie“, freut sich Barnard darüber, dass heute jeder Fisch komplett verwendet wird.
Im nächsten und als „Ocean Gold“ patentierten Prozess wird das Öl weiter – unter anderem mit Aktivkohle – gereinigt. Hier bleiben Unreinheiten wie Farbpigmente, Spurenmetalle und Oxidationsprodukte hängen, aber auch Dioxin und PCB, das früher auch in Isoliermitteln und in Weichmachern Verwendung fand. Letzter Schritt ist die Desodorierung, die im Hochvakuum mit Durchleitung von Wasserdampf erfolgt: „Der reißt in einem stundenlang dauernden Prozess den größten Teil der Geruchsstoffe mit sich“, sagt Barnard und blickt durch ein Schauglas ins Innere eines Behälters.
Am Ende bleiben von 100 Tonnen Rohöl noch 77 Tonnen feinsten, goldgelben und allenfalls schwach duftenden raffinierten Öls, das nun mit weiteren Geschmacksstoffen wie Kirsche, aber auch mit Vitaminen versetzt werden kann. Es folgt die Abfüllung in Flaschen, die bei Seven Seas selbst vorgenommen wird, oder das Füllen in weiche Kapseln durch ein anderes Unternehmen.
Produktion von Lebertran bei Seven Seas
Volksmedizin und High-Tech
Warum aber überhaupt Lebertran und dieser ganze Aufwand? Der Gesundheit wegen natürlich. Lebertran gehört zu jenen Produkten der Volksmedizin, deren Ursache-Wirkungs-Zusammenhang erst in der Neuzeit Stück um Stück entdeckt wurde.
Die ersten klinischen Beobachtungen hinsichtlich einer Besserung bei Knochenerkrankungen und Rheumatismus stammen von Samuel Kay, einem Arzt aus Manchester. Er meldete der British Medical Society nach langjährigen Forschungen 1770, dass Lebertran bei der Behandlung von Arthritis Wirkung zeigte. Weitere Forschungen förderten im 20. Jahrhundert Vitamin D zutage, das vor allem in sonnenarmen Gegenden schon seit 1824 gegen Rachitis half.
Ende der 1940er-Jahre verteilte der britische National Health Service Lebertran kostenlos an Schwangere, stillende Mütter und Kinder unter fünf Jahren. Als in den späten 1970ern Wissenschaftler näher in die Geheimnisse von Omega-3-Fettsäuren eindrangen, entdeckten sie endlich den Grund dafür, dass Eskimos trotz ihrer cholesterinreichen und einseitigen Ernährung nicht an Arthrose litten: Fischöle enthalten hohe Anteile von Omega-3-Fettsäuren, die den Eicosanoid-Stoffwechsel beeinflussen und entzündungshemmende Eigenschaften besitzen. Dieses „Inuit-Paradox“ ist fast so überraschend wie die Tatsache, dass Lebertran von Seven Seas heute nicht mehr nach Meer, sondern nach Kirsche oder Orange schmeckt.
| Seven Seas — Daten und Fakten |
| Das 1934 als „British Cod Liver Oil Producers“ gegründete Unternehmen gehört seit 1996 zur Merck KGaA und ist Teil der Sparte Consumer Health Care. Das Unternehmen stellt den einzigen Lebertran her, der in Großbritannien zur Behandlung von Gelenkschmerzen und Steifigkeit zugelassen ist. |