Ein Hauch von Melisse
Diese komplexen chemo-physikalischen Zusammenhänge kann man sich so ähnlich wie das Riechen vorstellen. Auch hier treffen für den Duft verantwortliche Moleküle in der Nase auf Rezeptoren. Der Mensch hat ungefähr 400 unterschiedliche Rezeptoren, an die entsprechende Duftmoleküle andocken und einen Reiz an das Gehirn weitergeben, das dann meldet: „Es ist Vanille!“ Und es gibt noch eine Parallele der neuartigen Sensoren zur Nase, wie Torsi erklärt: „Beide bestimmen die Art der Moleküle sofort und gewissermaßen live. Das ist ein bedeutender Unterschied zur bisherigen chromatografischen Analytik.“ Das Verfahren ist damit ebenso elegant wie eine der Substanzen, mit der das Team die Leistungsfähigkeit der Sensoren in „Nature“ demonstrierte: Beta-Citronellol, mit seinem erfrischend-melissenartigen Duft, den der Sensor noch in einer Konzentration von 3 ppm (parts per million, Teile von einer Million) sicher erkannte.
Doch der Sensor signalisiert noch etwas ganz anderes. „Interdisziplinarität ist neben Kreativität, Wissen und Leidenschaft eine Grundlage für Innovationen“, meint die Professorin, die jedoch nur in einem leistungsstarken Team möglich seien, das zudem kollegial zusammenarbeite. Hat sie es da als Frau manchmal schwer gehabt in der Männerwelt der Physiker und Chemiker? „Richtig ist, dass Frauen in der Wissenschaft nicht gerade leicht höchste Anerkennung erringen. Doch ich persönlich habe die Erfahrung gemacht“, antwortet die Mutter zweier Söhne, „dass meine Kollegen wohl blind für Geschlechtsunterschiede sind.“
Ihre „Nature“-Veröffentlichung, für die sie 2010 als erste Frau überhaupt mit dem Heinrich-Emanuel-Merck-Preis für Analytik ausgezeichnet wurde, skizziert das grundlegende Konzept neuartiger Sensoren für äußerst empfindliche analytische Bestimmungen. „Dass daraus dann in Zukunft leistungsstarke Produkte werden, ist einer meiner größten Wünsche“, sagt Luisa Torsi, die schon jetzt drei internationale Patente hält.

© Merck
Die Professorin Luisa Torsi war 2010 die erste Frau, die mit dem mit 15000 Euro dotierten Heinrich-Emanuel-Merck-Preis ausgezeichnet wurde
| Reinheit: Der Heinrich-Emanuel-Merck-Preis |
Mit dem Heinrich-Emanuel-Merck-Preis zeichnet Merck im Jahre 2010 zum zehnten Mal einen Wissenschaftler aus, der sich in hervorragender Weise um neue chemisch-analytische Methoden und deren Einsatz im menschlichen Lebensumfeld verdient gemacht hat.
Das Unternehmen erinnert mit der Auszeichnung zugleich an Heinrich Emanuel Merck (1794 – 1855), den Gründer der chemisch-pharmazeutischen Fabrik E. Merck in Darmstadt. Seine Untersuchungen zur Isolierung und Reindarstellung aller jeweils bekannten Alkaloide führten 1827 zu ersten und sofort erfolgreichen fabrikatorischen Anfängen.
Heinrich Emanuel Merck verbürgte sich bei seinen Kunden für die Reinheit der von ihm verkauften Substanzen. Diese Zusicherung erneuerte das Unternehmen 1888 auf Grundlage des analytischen Standardwerks „Die Prüfung chemischer Reagentien auf Reinheit“, erarbeitet vom Merck-Chemiker Carl Krauch.
Zum 100. Jubiläum dieses Standardwerkes stiftete das Unternehmen 1988 den mit 15 000 Euro dotierten Heinrich-Emanuel-Merck-Preis. Mit ihm werden Wissenschaftler ausgezeichnet, die mit ihrer Arbeit die Basis für bahnbrechende Entdeckungen geschaffen haben – im Jahr 2010 mit Luisa Torsi die erste weibliche Forscherin. |