„Anna, pass auf, ich schieß den Ball oben in den Winkel.“ Ein kurzer Anlauf, und die Kugel fliegt auf Annas Tor zu. Sie streckt die Arme nach oben und hält – ganz sicher. Vor Kurzem hätte sich Anna noch so strecken können, sie hätte den Ball nicht fangen können. Die 15-Jährige wäre zu klein gewesen, ein paar entscheidende Zentimeter fehlten.
Klein, traurig, wütend
Was es bedeutet, klein zu sein, weiß Anna noch ganz genau. „Damals wollte ich unbedingt auf dem Jahrmarkt in einem Karussell fahren. Um einzusteigen, musste ich entweder zehn Jahre alt sein oder eine bestimmte Körpergröße haben. Ich war schon zwölf, aber zu klein. Der Betreiber verweigerte mir den Zutritt, das hat mich traurig und wütend zugleich gemacht“, sagt das zierliche Mädchen. „Dabei ist Körpergröße nur der erste Eindruck, aber er wirkt. Kleine Menschen werden häufig unterschätzt.“
Anna war jahrelang die Kleinste, musste stets um Anerkennung kämpfen, weil andere sie unterschätzten. Während die Freunde bis zu zwei Köpfe größer waren, stellte ihr Körper das Wachsen einfach ein. Erst eine Diagnose von Fachärzten bestätigte den Verdacht – ihr Knochenalter lag drei Jahre hinter ihrem Geburtsalter zurück. Heute wird Anna zwar immer noch jünger geschätzt als sie wirklich ist, hat aber deutlich an Größe zugelegt. Seitdem sie sich vor etwa zwei Jahren zu einer Hormonbehandlung entschied, streckte sich der Körper bereits nach wenigen Monaten um acht Zentimeter. Insgesamt ist sie um 15 Zentimeter gewachsen. Bis zum 18. Lebensjahr muss Anna die Hormone noch nehmen.
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Blöde Sprüche über ihre Größe konterte Anna stets mit Pfiffigkeit. Im Gegensatz zur körperlichen Entwicklung war und ist die geistige Entwicklung gegenüber Gleichaltrigen weit vorangeschritten. Annas Verbalakrobatik verblüffte immer wieder Freunde und ließ fehlende Zentimeter schnell vergessen. Einzig modisch konnte die begeisterte Fußballerin nicht mit den Klassenkameraden mithalten. „Ich musste immer in die Kinderabteilung, da gab es nur Klamotten mit Comic-Figuren. Ein blödes Gefühl. Mein modischer Geschmack hat sich weiterentwickelt, aber mein Körper nicht.“ Mittlerweile shoppt Anna mit Freundinnen in angesagten Boutiquen.
Doch nicht nur die Beziehung zu Klassenkameraden war für die 15-Jährige wichtig – Halt fand sie besonders bei der älteren Schwester Sarah und Mutter Andrea. Früher sei Anna gern an Mutters Hand spazieren gegangen, so die Alleinerziehende. „Plötzlich bemerkte ich die Größe ihrer Hand – auf einmal waren wir auf Augenhöhe“, sagt Andrea Maier. „Aus dem putzigen Kind wurde durch die Hormonbehandlung schnell ein pubertierender Teenager.“ Und die reiben sich generationsbedingt gerne mit ihren Eltern. Dazu kam die Wachstumsveränderung, die das enge Verhältnis zwischen Mutter und Tochter beeinflussen sollte. „Ich konnte Anna nach der ersten Phase der Therapie endlich loslassen“, erzählt ihre Mutter und fügt hinzu: „Es war wie ein Sechser im Lotto. Ich wusste ja nun, dass es eine Behandlungsmöglichkeit gibt und dass Anna wachsen würde.“ Ihre Tochter lacht. Denn vorher fiel es der Mutter schwer, den Beschützerinstinkt zu unterdrücken. Mit der körperlichen Größe kam auch ein neues Selbstverständnis. „Mama musste mich nicht mehr die ganze Zeit bemuttern“, sagt Anna.
Was sie im Alltag nervte, waren banale Dinge. Wenn die Mutter ihr eilig zuvorkam, um die Tasse aus dem Schrank zu holen, an die sie nicht herankam. Oder die Tasche packte, weil sie mal wieder zu lange brauchte. Dadurch, dass der Körper vor der Behandlung eher klein war, hatte Anna wenig physische Kraft. Während Freunde auf Partys feierten, blieb sie zu Hause und ging früh ins Bett, da sie einfach den Schlaf benötigte. Wenn Annas Akkus wieder aufgeladen waren, widmete sie sich dem Trompetenspiel. Da ihr Lungenvolumen noch recht klein war, lag das Instrument aber nach kurzer Zeit wieder in der Ecke. Durch das schnelle Wachstum ist Annas Körper nun jedoch belastbarer geworden: Sie hat entsprechend mehr Lungenvolumen und dadurch die Luft, kräftig in die Trompete zu blasen.