Den Schutz durchbrechen
Gesunde Stammzellen sind die Hoffnungsträger der medizinischen Forschung, wenn es um Krankheiten wie Diabetes, Muskeldystrophie oder Parkinson geht, bei denen Zellen verloren gegangen sind. Doch Stammzellen haben auch eine „dunkle Seite“: Wenn ihre genetisch festgelegten Regelkreise durch Mutationen beschädigt werden, dann können sie quasi Amok laufen und Tumore hervorbringen.
Das Fatale dabei ist, dass diese Krebsstammzellen weiterhin wie normale Stammzellen durch ein perfektes System von Schutzmechanismen vor der Zerstörung wie etwa Bestrahlung bewahrt werden. Zudem teilen sich Krebsstammzellen nur selten. Daher verschont sie die klassische Chemotherapie, die auf sich schnell teilende Zellen abzielt. Erst die Abkömmlinge der Krebsstammzellen vermehren sich rasch und bedrohen mit ihren Wucherungen den Organismus.
Auf der Suche nach dem schwer zu fassenden Mastermind des Krebsgeschwürs wurde Andreas Trumpp erstmals im Jahr 2001 fündig. Damals untersuchte er Mäuse, bei denen Krebsgene verändert waren, und konnte nachweisen, dass sich diese tatsächlich auf manche Stammzellen auswirken: "Ich erinnere mich noch genau an den Abend: Ich bin losgelaufen, um eine Flasche Sekt zu kaufen. Es folgte eine superspannende Zeit. Ich habe mein damaliges Labor komplett auf Stammzellen umgestellt.“
Bald darauf wurde ein anderer auf den jungen Forschungszweig aufmerksam. Michael Wolf, Leiter der Forschungsgruppe Angewandte Immunologie in der Onkologie bei Merck Serono hörte von den Veröffentlichungen der Stammzellforscher und wurde hellhörig. „Als ich von dieser Sache erfuhr, war das, als ob ein Fenster aufging", erinnert sich der promovierte Immunologe. „Nach 50 Jahren Krebsforschung war ja viel Hoffnungslosigkeit geblieben, doch dieses Konzept könnte neue Hoffnung für Patienten bringen, die heute unheilbar sind. Im Moment nimmt die Forschung auf diesem Gebiet geradezu explosionsartig zu.“
Spezifischer Wirkstoffmix für jede Krebsart
Natürlich bleiben noch viele Fragen. Zwar ist inzwischen erwiesen, dass Leukämie von Krebsstammzellen hervorgerufen wird, und es gibt deutliche Hinweise, dass dies auch bei Brustkrebs und Hirntumoren der Fall sein könnte. Ob aber Krebsstammzellen immer die Ursache von Tumorerkrankungen sind, muss sich erst noch erweisen. Es wird wahrscheinlich noch einige Jahre dauern, bis die neuen Erkenntnisse in wirksame Medikamente umgesetzt werden können.
An mangelnder Entschlossenheit von Forschern wie Trumpp und Wolf wird es nicht scheitern: Bei Merck läuft die Arbeit in den Laboren unter der Leitung von Anita Seshire seit zwei Jahren auf Hochtouren. Trumpp und seine Mitarbeiter haben kürzlich herausgefunden, wie sich Blutstammzellen und wahrscheinlich auch Leukämiestammzellen aus ihrem Dornröschenschlaf wecken lassen, durch den sie sich so erfolgreich allen Angriffen entziehen. Wenn man sie dann mit maßgeschneiderten Wirkstoffen angreift, so hofft der Forscher, könnte man den Krebs vollständig heilen.
Das Spannende dabei ist, dass solche Wirkstoffe womöglich schon existieren, aber nur die Tumorstammzellen noch nicht erreichen. Trumpp arbeitet daher nun mit Merck Serono in einem gemeinsamen Projekt. Die Merck-Sparte für innovative, patentgeschützte Arzneimittel stellt dem Krebsforscher neue Wirkstoffe zur Verfügung, damit der dann untersucht, ob sie aktivierte Krebsstammzellen abtöten können. „Wir würden sonst an diese Substanzen gar nicht rankommen", so Trumpp. In komplexen Transplantationsexperimenten mit Mäusen möchten er und seine Kollegen bei HI-STEM testen, welche Abfolge und Kombination von Substanzen wirksam sein könnte. „Es wird nie nur einen Wirkstoff für eine Krebsart geben“, sagt Trumpp. „Das macht die klinischen Studien so kompliziert, und daher müssen wir davor noch sehr detaillierte Erkenntnisse gewinnen.“ Die Entdeckung der Krebsstammzellen könnte sich aber als ein entscheidender Schritt auf diesem Weg erweisen.