Baukastenprinzip aus dem Lama
Ein Beispiel für eine vielversprechende Entwicklung, die in einer universitären Forschung ihren Ausgang nahm, ist die Entdeckung besonders kleiner, nur aus der schweren Kette bestehenden Antikörper (AK). Zur Weiterentwicklung des kleinsten funktionellen Anteils dieser AK, der sogenannten „Nanobodies“ entstand 2001 das Unternehmen Ablynx als Spin-off unter anderem der Freien Universität Brüssel und des Flanders Institute for Biotechnology (VIB).
Das biopharmazeutische Unternehmen, angesiedelt in der belgischen Stadt Gent, expandiert, denn etliche Pharmaunternehmen interessieren sich für seine Nanobodies®, die sehr spezifisch und potent an teils für konventionelle Antikörper nicht erreichbare Zielstrukturen („Targets“) binden, und – entsprechend kombiniert – sogar gezielt mehrere Wirkungen gleichzeitig entfalten.
Grund genug für Merck Serono, mit Ablynx zusammen die Nanobodies weiter zu entwickeln. Im Rahmen einer ersten Kooperation werden Nanobodies für zwei biologische Targets entwickelt. Merck Serono und Ablynx teilen sich Kosten und Forschungsarbeit hälftig und partizipieren nach einer Markteinführung auch am Gewinn zu gleichen Teilen.
Bei dieser Art der Kooperation übernehmen beide Partner von Beginn an gleichermaßen die Verantwortung für die Entwicklung, doch kann der kleinere Partner aus der finanziellen Beteiligung aussteigen, wenn die Entwicklung sein Budget sprengt. Dann erfolgt eine Kompensation durch Meilenstein-Zahlungen und Tantiemen.
Die zweite und dritte Kooperation mit Ablynx bezieht sich auf drei weitere biologische Targets. „Unser Partner Merck Serono fasste dank unserer exzellenten ersten Kooperation Vertrauen“, sagt Edwin Moses, CEO von Ablynx, und erläutert das weitere Vorgehen: „Nun ist die Zusammenarbeit so aufgeteilt, dass wir die präklinische Forschung zu den Nanobodies in Eigenregie leisten, uns Merck Serono dabei aber finanziell unterstützt. Anschließend werden Merck Serono und Ablynx das Projekt in gemeinsamer Verantwortung durch die klinische Phase führen, wobei Kosten wiederum hälftig aufgeteilt werden, ebenso wie Gewinne im Fall der Markteinführung. Dadurch gewinnt die Entwicklung noch an Dynamik.“
Und das schließlich ist das Ziel aller derartigen Kooperationen, ob mit Start-ups, kleinen oder großen Unternehmen oder eben mit universitärer Forschung und ihren Ausgründungen.

Kamele und andere kamelartige Tiere wie z.B. Lamas besitzen besondere Antikörper, die sie resistent gegenüber bestimmten Parasiten machen
© Shotshop
Technologie-Förderung: Beispiel Nanobodies®
Warum sind Lamas und andere „Kamelartige“ (Camelidae) resistent gegenüber bestimmten Parasiten? Dahinter stecken ungewöhnliche Antikörper, die kleiner als die anderer Wirbeltiere sind, aber dennoch hocheffektiv funktionieren. Die Anteile, die sich an Antigene andocken, sind nur ein Zehntel so groß wie konventionelle Antikörper, viel weniger komplex und sehr stabil. Diese sogenannten Nanobodies erreichen tief versteckte Targets, lassen sich so kombinieren, dass gleichzeitig mehrere Targets angegangen werden können, und können in großen Mengen rasch hergestellt werden.
Antikörper, zu denen beispielsweise Erbitux® gehört, werden heute schon vielfältig in der Therapie unter anderem von Krebs oder Entzündungskrankheiten eingesetzt. Und so funktioniert die Herstellung der Nanobodies im Prinzip: Lamas werden mit dem pharmakologischen Ziel, beispielsweise einem Rezeptor, geimpft. Ihr Immunsystem entwickelt dagegen in bestimmten Blutzellen unter anderem eine besondere Art der Antikörper, und das bereits wenige Wochen nach der Impfung.
Aus einer einfachen Blutprobe, nach der die Lamas ohne weitere Beeinträchtigung „entlassen“ werden können, wird die genetische Blaupause für diese Nanobodies identifiziert, weiter formatiert und gentechnisch auf die Hefe Pichia pastoris oder Bakterien wie Escherichia coli übertragen, die daraus in vergleichsweise kurzer Zeit große Mengen Nanobodies herstellen. Mit dieser Technologie halbiere sich die Entwicklung vom Target bis zur präklinischen Entwicklung, heißt es bei Ablynx.

Zwei durch eine "Brücke" miteinander kombinierte Nanobodies (lila und rot) binden an ihre ganz spezifischen biologischen Ziele, gegen die sie sensibilisiert sind. Durch das Ankoppeln wird die Wirkung dieser Ziele ausgeschaltet. Die Kombination zweier Nanobodies ermöglicht es, die Wirkung zu verstärken oder zwei unterschiedliche Wirkungen gleichzeitig zu erzielen. Das biologische Ziel ist das Antigen, der Nanobody der kleinste wirksame Anteil eines Antikörpers, der sehr stabil ist und sich in grossen Mengen einfach herstellen lässt
© Ablynx
Gemeinsam auch mit Großen in der klinischen Forschung |
Merck Serono kooperiert nicht nur mit kleineren und mittleren Unternehmen, sondern auch mit großen Pharmafirmen. Ein Beispiel ist die Zusammenarbeit mit Sanofi auf dem Gebiet der Krebsmedizin. Für die Behandlung von Krebs wird heute immer wichtiger, ganz gezielt die Signalwege auszuschalten, über die das Tumorwachstum angeregt wird.
Tumoren können sich jedoch dank ihres Netzwerkes an Signalwegen der Blockade einzelner Signale rasch entziehen, sodass es effektiver erscheint, mehrere dieser Signalwege gleichzeitig mithilfe von Kombinationen verschiedener Wirkprinzipien auszuschalten. Die beiden Firmen erteilen sich in dieser Kooperation gegenseitig die Lizenz, ihre Medikamentenkandidaten in Kombinationen zu prüfen, von denen synergistische Wirkungen erwartet werden. |